Kultur-AG am PMHG

Wir sind eine Gruppe von Schülern des Philipp-Matthäus-Hahn Gymnasiums, die sich auch über 45 Minuten Unterrichtseinheiten hinaus in der Schule aufhalten wollen, um diesen Sammelpunkt Ursprung einer allgemeinen Horizonterweiterung werden zu lassen. Herr Hammer hat diesen verborgenen Herzenswunsch einiger Schüler (un)bewusst erkannt und am Anfang des Schuljahres 08/09 diese Vereinigung aller Redseligen ins Leben gerufen. Seit diesem Ruf treffen sich nun etwa 20 junge Menschen jeden Donnerstag (in unregelmäßigen Abständen), um gepflegte Konversation zu betreiben: wir besuchen Kunstausstellungen, sehen gemeinsam Filme, versuchen gesellschaftliche Sachverhalte (Medien, Liebe, Vergänglichkeit, Realität) zu erörtern, zu verbessern, zu verändern und diskutieren vor allem über alles, was nur im Entferntesten einer Diskussion würdig ist.
Aber wir haben beschlossen, dass wir mehr als ein Schwatzverein sein wollen, wir wollen unsere Schule verändern, aufwecken, warnen, zum Lachen bringen und wenn möglich die ganze Welt auf den Kopf stellen, während dessen aber keineswegs unsere idealistisch-naive Art, die Zukunft zu Planen verlieren.

Inspiriert durch das SMV Projekt „PMH für Kenia“ unserer Schule, bei dem Schüler einen Schultag lang einem regulären Job nachgehen um Geld für Schulkinder in Kenia zu verdienen, fingen wir in Zusammenarbeit mit den Leitern des Projekts an, eine griffige Marketingstrategie zu entwickeln. Unser Ziel ist es, Schüler auf globales Unrecht aufmerksam zu machen, ihnen die Relation zwischen ihrem eigenen Leben und dem eines Gleichaltrigen in einem Entwicklungsland bewusst zu machen und sie vor allem zur Teilnahme an besagtem Projekt zu bewegen. Aber vor allem wollten wir auf gängige Werbemittel verzichten, wir zogen es vor, die Schüler zu erschrecken, sie zum Nachdenken zu bewegen, sie zu verwirren und ihnen im Alltag (der Schule) begegnen. Die Brücke zu den Schülern sollte eine Schaufensterpuppe bilden, die wir uns für unbestimmte Zeit vom Modehaus Kehrer (vielen Dank dafür!) ausgeliehen haben und Denkzettel nennen. Das ist auch das Thema, die Überschrift unserer gesamten Arbeit. Überall, wo wir auftreten, soll uns diese Puppe begleiten, stets mit unauffälliger Kleidung, dem Schriftzug „Denkzettel“ und einem Schild, das das Logo des „PMH für Kenia“ Projekts enthält.

Für unser erstes Marketingprojekt hat sich der Name „Müllprojekt“ eingebürgert: Wir sperrten 10 m² des Schulhofes mit Baustellenabsperrband ab und ließen so 3 Tage lang Schüler und Lehrer im Dunkeln, was sich inmitten unserer gewohnten Pausenumgebung abspielt. Nach drei Tagen lag im abgesperrten Bereich eine umgestoßene Mülltonne, um sie verstreut durchaus verzehrbare Essensreste: Pizza, Schulbrot, Döner, ein Apfel und sogar ein Schokoriegel. Diese Sauerei führte natürlich zu heftigen Tumulten unter Lehrer- und Schülerschar: „Ruf mal jemand die Polizei, das ist doch unerhört“; „Irgend son Quatsch aus Kunst“; „Welcher Idiot wirft Essen neben den Mülleimer?“ und „Was hat dieser Herr Hammer damit zu tun? Ich hab den da neulich stehen gesehen...“ waren gängige Reaktionen auf unsere Pionierarbeit. Einen Tag später jedoch stand besagter Denkzettel demonstrativ neben dem Mülleimer, in Begleitung eines großen Bildes afrikanischer Schulkinder mit der Bildunterschrift „Wir hätten es gegessen“.

Unser zweiter Streich hatte einen ebenso üblichen Namen: „Schulbrot“. Nur durch eine kurze Durchsage vor der großen Pause wurden die Schüler über unsere Aktion informiert: „Pizzastangen sind selbstverständlich, aber reicht dir Brot?“. Mit diesem Spruch ausgestattet stand Denkzettel neben dem Pausenverkauf. An dies jenigem Schultag hatten jedoch Schüler der Kultur AG das Hausmeisterkabuff gekapert und verkauften Brotscheiben für 10 cent. Wieder mal mussten sich Teilnehmer unser reaktionären Zelle um Leib und Leben fürchten. Zahlreiche wutentbrannte Schokohörnchen verwöhnte Schüler waren sauer auf alles, was den Namen Kultur trägt, andere hingegen waren sprachlos oder überwältigt („Ihr seit sooooo geil“; „Ich finds zwar jetzt gerade sch..... weil ich Hunger hab aber ihr habt Recht“).

Wir bleiben spartanisch, unter dem Decknamen "Schulweg" planten wir unsere dritte Gesellschaftsbombe: Der B-Eingang unserer Schule soll für einen Tag geschlossen sein, die Schüler werden aufgefordert um das Schulhaus herum zu gehen, um den anderen Eingang zu verwenden. Dort angekommen erwartet sie der allseits bekannte „Denkzettel“ mit der Aufmunterung „Kinder in Kenia laufen zwei Stunden zur Schule“. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie Menschen reagieren wenn sie anscheinend unnötige Umwege gehen müssen und die Verursacher des großen Übels kennen.

Ob wir unser Ziel erreicht haben? Keine Ahnung, sag du's mir! An der Aktion PMH für Kenia haben 180 Schüler teilgenommen und zusammen fast 6000 Euro verdient. Über dieses Geld verfügt der Verein tumaini ev. Dieser unterstützt zwei Heime in Kenia, die Straßenkinder aufnehmen, ihnen eine Ausbildung und ein Leben in Gemeinschaft ermöglicht. Von dem Geld haben die beiden Heime bisher viele Dinge des täglichen Verbrauchs gekauft, haben ein AIDS-Präventionsprogramm ins Leben gerufen und planen einigen ihrer Jungs eine Ausbildung am College zu ermöglichen.

Ich denke unsere Ziele sind sehr vielfältig, die eine wollte mal sehen, wie es ist „was zu machen“, der andere wollte seine Mitschüler aufwecken, andere hingegen wollen sich engagieren, wogegen? Umweltverschmutzung, Unrecht, Armut, Unterdrückung, Volksverdummung oder Langeweile, wir sind gegen alles zu haben!

Ich habe in dieser Zeit erfahren können was passiert, wenn sich „du und ich“ mal treffen um nicht über privaten Klatsch sondern Wichtigeres (ja es gibt tatsächlich Wichtigeres als die Klamotten deines Nächsten, seine Eigenarten und Promitratsch) zu reden, mit dem Ziel etwas neues auf die Beine zu stellen.

Paul Hubrich