Bebe – ein Capybara mit Geschichtsbewusstsein


Schon in Leipzig wurde schnell klar: Diese Fahrt ist keine gewöhnliche. In der „Runden Ecke“, der ehemaligen Stasi Zentrale, standen wir plötzlich an genau den Orten, an denen Überwachung organisiert wurde. Es war dieser Moment, in dem selbst ich als gelassener Nager merkte: Das hier ist nicht einfach nur Unterricht. Das ist Realität. Geschichte ist hier passiert – und zwar gar nicht so lange her. Natürlich wurden auch fleißig Fotos gemacht. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass ich mittlerweile mehr historische Orte gesehen habe als so mancher Mensch und auf fast jedem Gruppenbild vertreten bin. Capybaras gelten als äußerst gesellige Tiere, und ich war immer mittendrin, nie allein.

Ein besonders prägender Teil waren die Zeitzeugengespräche. Plötzlich hatten die Ereignisse Namen, Gesichter und Emotionen. Man hörte nicht nur zu, man fühlte mit und erfuhr, wie diese historischen Ereignisse aus persönlicher Sicht erlebt wurden. Genau das machte Geschichte greifbar, weil man sich bewusst wurde, dass echte Schicksale und Biografien diese Zeit geprägt haben. Besonders mochte ich Frau Hollitzer, und sie mich am Ende wohl auch, denn sie machte sogar ein Foto mit mir. Ich war stolz und überglücklich. Selbst wenn das Mädchenzimmer morgens wieder etwas zu spät kam oder noch müde wirkte, war die Aufmerksamkeit da, das Interesse auch. Nur nächstes Mal benutzt ihr mich bitte nicht als Ausrede, ich habe immer auf euch gewartet, nicht andersherum.


Während unseres Tagesausflugs nach Dresden ging es genauso intensiv weiter. Im Militärhistorischen Museum wurde nicht einfach nur gezeigt, was passiert ist, sondern auch, warum und wie man heute damit umgehen sollte. Selbst die Architektur konnte hier bestaunt und historisch gedeutet werden. Besonders die Gedenkstätte Bautzner Straße machte deutlich, was politische Verfolgung konkret bedeutete. Ein Zeitzeuge, der selbst Insasse war, führte uns herum, und in der einen Minute stand man in einer Zelle ohne Bett und Stuhl, in der nächsten in einem Raum, in dem Feiern der SED stattgefunden hatten.

Genau das ist vielleicht das Wichtigste, was von dieser Fahrt bleibt: das Bewusstsein, dass Geschichte mehr ist als Zahlen und Fakten. Dass sie an realen Orten stattgefunden hat, mit echten Menschen, deren Entscheidungen bis heute nachwirken. Als Gruppe hat man das gemeinsam erlebt, diskutiert und verstanden. Der Zusammenhalt ist gewachsen und wir gingen abends gemeinsam Pizza essen, spielten sogar mit unseren Lehrern Karten und hatten eine tolle gemeinsame Zeit. Neben einer beeindruckenden Fotosammlung nehme ich als Capybara und Kurskuscheltier vor allem die Erkenntnis mit: Es ist wichtig, Geschichte zu erleben, um sie zu verstehen und manchmal hilft es dabei, ein entspanntes, neugieriges Nagetier an seiner Seite zu haben.
Helena Kouros, JS1









